Inhaltsverzeichnis
Newsletter-AnmeldungArchiv
Der Amerikaner Dave Waters sorgt mit seiner privat ein-gesetzten Dirt-Track-KTM dafür, dass in dieser spektakulären Disziplin auch ein V2-Bike aus Mattighofen mitmischt.
 
Dirt-Track-Racing ist ein typisch amerikanisches Spektakel. Bunt, schnell, laut und spektakulär. Die Bikes der Top-Liga haben V2-Motoren, breite Lenker und grosse Startnummerntafeln. Auf Oval-Kursen geht’s immer links herum. Die Fahrbahn besteht aus Erde oder Lehm; mit Walzen komprimiert wird ein griffiger Belag daraus, der erstaunlichen Kurvenspeed zulässt. Die Strecken sind unterschiedlich lang (siehe Info- Kasten). In der AMA Pro Racing Series kämpfen professionelle Teams und Fahrer landesweit um die Grand National Championship, kurz GNC.
 
Die Action ist beinhart und absolut atemberaubend. Gefahren wird volles Rohr in dichten Pulks, das Messer zwischen den Zähnen. Windschatten-Gefechte auf den Geraden gehören ebenso dazu wie wilde Drifts in den Kurven, Rad an Rad und Lenker an Lenker.
DIRT TRACK
Dirt-Track in Amerika findet auf hartgewalzten Natur-Ovalen statt, die unterschiedlich lang sein können: eine Viertelmeile (400 Meter), eine halbe Meile (800 Meter) oder eine ganze Meile (1,6 km). Jede Strecke fällt anders aus, auch verändert sich deren Zustand von Runde zu Runde. „Groove“ heisst die nach einigen Runden freigefahrene Ideallinie, die am meisten Traktion und damit schnelle Rundenzeiten verspricht. Neben Oval-Pisten gibt es noch die TT-Events: das sind flache Naturpisten mit mehreren Links- und mindestens einer Rechtskurve auf engstem Raum sowie meist einem Sprunghügel. TT steht dabei als Kürzel für Tourist Trophy.
 
In der Top-Klasse werden etwa 100 PS starke Zweizylinder-Dirt-Tracker auf Mile- und Halfmile-Ovale losgelassen. Eine Stufe darunter rangieren 50 bis 60 PS starke Einzylinder-Bikes (durch die Bank modifizierte Viertakt-Moto-crosser); diese starten meist auf Viertel- und manchmal auf Halfmile-Oval-Pisten, dazu auf den TT-Strecken.
Dirt-Track in den USA hat eine grosse Tradition. Die meisten Aktiven steuern V2-Eisen aus heimischer Produktion. Aber nicht alle. Immer wieder finden sich Teams, die auf europäische oder japanische Marken setzen und ihr Glück abseits vom Mainstream suchen. Einer dieser Individualisten ist Steve Waters aus Albion im Bundesstaat New York. Der 47-jährige Inhaber einer Karosserie-Reparaturwerkstatt fuhr von Kindesbeinen an selbst Rennen, erst im Dirt-Track, dann im Motocross, bevor er schließlich als Teamchef zu seinen Wurzeln zurück kehrte. In KTM´s V-Zweizylinder verguckte sich Waters, als dieses Triebwerk vor ein paar Jahren im Rahmen der Daytona Speedweek ausgestellt wurde. Leicht, kompakt, stark – das Konzept, die Technik und die konstruktiven Details des modernen Twins
versprachen Potential und liessen den Dirt-Track-Freak
frohlocken. Ende 2007 kaufte er dann schliesslich eine
KTM 950 R Supermoto, um daraus eine Dirt-Track-
Rennmaschine zu bauen.
2008 war die erste Saison des Teams “Project K Racing“, das Dave zusammen mit seiner Frau Rhonda führt. Als Fahrer wählten die beiden Roger James „RJ“ Overholt aus, ein Offroad-Naturtalent, das mit ihrer Unterstützung bereits etliche Saisons in Motocross und Dirt Track erfolgreich hinter sich gebracht hat und seit 2004 dank der Zuteilung einer „National Number“ berechtigt ist, Dirt-Track-Rennen in der Top-Liga zu bestreiten.
 
Ursprüngliches Ziel war, das Bike so serienmässig wie möglich zu belassen, um eine Marken-Loyalität zu schaffen. Einerseits, weil es bislang noch keine KTM im Dirt-Track-Rennzirkus gab. Und andererseits, weil natürlich die Hoffnung besteht, mit diesem orangen Projekt, das längerfristig verfolgt werden soll, auf sich aufmerksam zu machen. Wunschziel des Teams ist es, eines Tages zusätzliche Unterstützung vom Importeur oder sogar direkt vom Werk erhalten zu können.
 
2008 blieb das Bike zunächst erstaunlich serienmässig. Original-Rahmen, Gabel mit vorversetzter Achsklemmung, grosser Tank, Aluminium-Schwinge, alles blieb wie aus der Kiste. Getauscht wurden lediglich Lenker, Räder, Vergaser und Federbein sowie kleinere Details. Makellose Zuverlässigkeit und erstaunliche Performance führten zu ermutigenden Ergebnissen. Die Erfahrungen der ersten Saison überzeugten Dave Waters, auch weiter an das Potential des V-Twins aus Österreich zu glauben.
Für die Saison 2008 wurde beschlossen, einige Modifikationen umzusetzen, um die KTM noch konkurrenzfähiger zu machen. Weil neben der Leistungs-entfaltung im Dirt-Track Handling und vor allem Traktion eine entscheidende Rolle spielen, wurde eine kürzere Schwinge bei der Firma J&M massgeschnei-dert, dazu gleichzeitig das Monofederbein anders positioniert. Der Penske-Dämpfer ist jetzt schräg auf der rechten Seite, direkt zwischen der neuen Schwinge und oberen Rahmenrohr angelenkt. Abgesehen von der neuen Aufnahme für das Federbein entspricht der Rahmen aber weiter dem Originalzustand. Modifiziert präsentiert sich wiederum die Front. Das Vorderrad wird an einer bewährten Dirt-Track-Forke mit speziellen Gabelbrücken geführt, die sich quasi im Handumdrehen verstellen lassen.
 
Statt des originalen Spritbehälters kommt ein von der Firma Race Tech speziell gefertiger Tank zum Einsatz, der kleiner und weniger voluminös ausfällt und die für Dirt-Track gewünschte Gewichtsverteilung optimieren hilft. Auch der Öltank ist eine Spezialanfertigung aus Aluminium. Auf die Original-Auspuffkrümmer wurde ein hübscher und ziemlich offener Supertrapp-Topf gesteckt; der Sound verdient das Prädikat „Brüller“.
 
Seit 2009 gilt im Dirt-Track ein neues Reglement für die Gemischaufbereitung. Die 41mm-Keihin FCR-Flachschiebervergaser müssen mit 38mm-Restriktoren versehen sein. Um diese luftbegrenzenden Massnahmen auszugleichen, wurde der Zylinderkopf bei RLJ Racing in Holley/New York speziell überarbeitet. So zerren noch stattliche 93 PS am Hinterrad, was mit der Übersetzung für ein Meilen-Oval für 130 bis 140 Meilen Topspeed
(208 km bis 225 km/h) ausreicht.
Die Umbaumassnahmen sorgten bereits für Erfolgserlebnisse. Beim Rennen in Dayton/Ohio zum Beispiel lief es ganz hervorragend. Fahrer RJ Overholt büsste in der Qualifikation nur eine halbe Sekunde auf die weltbesten Dirt-Tracker ein und qualifizierte sich mit dem 3. Platz in seinem Heat–Race direkt fürs Finale, was das Team schon in Entzückung versetzte. Im Finale legte RJ aus der ersten Reihe dann einen perfekten Start hin und bog als Erster in Turn 1 ein!  Nachdem die Top-Cracks Joe Kopp und Jared Mees vorbeigezogen waren, drehte RJ auf Platz 3 seine Runden, bevor er in einer Kurve eine Bodenwelle erwischte, die ihn fast zu Fall brachte. Am Ende jedenfalls schaute Platz 7 heraus, immer noch ein fantastisches Ergebnis für das Team „Project K Racing.“
 
Noch besser lief es für den orangen Drifter in Lima, ebenfalls in Ohio: Zwanzigster im Training von 54 Teilnehmern, nur 0,5 Sekunden hinter Harley-Werksfahrer Kenny Coolbeth, Platz 6 in den Heat-Races und superber Rang 5 im Halbfinale nach herzergreifenden Duellen im Spitzenpulk mit den Besten der Szene, was die Zuschauer johlend fast aus den Tribünen kippen liess.
 
Wenig verwunderlich, dass Dave Waters für sein ambitioniertes Projekt noch viel Potential für die Zukunft sieht. Er will weiter alles geben, was in seiner Macht steht. Und wenn er eines Tages die Unterstützung erhält, die er sich erhofft, wäre das eine tolle Belohnung für die bisherigen Anstrengungen.