Stefan Nebel und Didier Van Keymeulen geben mit den KTM RC8 R-Rennern in der Superbike-IDM 2009 heftig Gas. Rückblick auf die erste Saisonhälfte.
orange raketen
Das KTM Superbike Team Germany absolviert 2009 seine erste Saison. Zu jedem der acht Renntermine rollt der 16 Meter lange Teamtruck mit sieben Tonnen Material im Bauch des Aufliegers an: Vier Rennmaschinen, Werkzeug, Boxenausstattung, Reifen, Computer, Ersatzteile. Donnerstags wird die Box eingerichtet, der Aufbau dauert einen halben Tag. Die Zugmaschine, ein MAN TGA 18/480, lässt nicht nur Trucker-Herzen höher schlagen. Der V8-Diesel hat 12,4 Liter Hubraum und reisst mit 480 PS an. Elf Personen umfasst das Superbike-IDM-Team. Zwei Mann reisen im Truck von der Teambasis im bayrischen Ainhofen zu den Rennstrecken an, die übrigen auf zwei VW Sharan verteilt. Plus die beiden Fahrer, die jeweils per Wohnmobil anreisen.
Der IDM-Auftakt am Lausitzring begann mit einem orangen Knalleffekt. Nach dem Zeittraining stehen beide KTM RC8 R in der ersten Reihe. Van Keymeulen auf der Pole, Nebel auf Platz 2. Spürbare Euphorie im Team, klar, weil damit nicht wirklich zu rechnen war. Beide Fahrer haben im Training Stürze fabriziert, aber als es drauf ankommt, ziehen sie alle Stöpsel.
Im Rennen stellt sich die Lage aber anders dar. Stefan Nebel kann der Tempo der Spitzenleute Jörg Teuchert (Yamaha) und Martin Bauer (Honda) nicht mitgehen, landet in beiden Läufen auf Platz 4.
Didier Van Keymeulen scheidet im ersten Durchgang mit einem Motordefekt aus, donnert in Lauf 2 aber als Dritter in Ziel. Ein Podestplatz beim Auftakt, das darf man wohl als gelungenen Einstand bezeichnen.
Teamchef Konrad Hefele: „Wir hatten eine gute Performance erwartet, aber gleich die Doppelpole war überraschend. Im Rennen war Stefan nach seiner einjährigen Pause zu aggressiv, nicht locker genug. Der Motorschaden von Didier geht auf unsere Kappe, da haben wir etwas gelernt. Der Podestplatz ist erfreulich. Es sieht es so aus, dass wir konkurrenzfähig sind und vorne mitreden können. Genau das war unser Ziel.“
Das KTM-Zweizylinder-Superbike mit 1190 Kubik Hubraum leistet rund 190 PS. Laut IDM-Reglement müssen Twins nach der Zieldurchfahrt noch 170 Kilo auf die Waage drücken, inklusive Restbenzin. Das Mindestgewicht für 1000er Fours beträgt 162 kg. Da die RC8-R sehr leicht ist, müssen also 8 kg Gewicht mitgeführt werden. KTM verwendet die Wolfram-Legierung »Triamed« als Zusatzgewicht, verteilt an drei Stellen im vorderen Bereich, um Wheelies entgegen zu wirken.
Das zweite Rennen in Oschersleben zeigt überdeutlich, wie hart und eng es in der Superbike-IDM zugeht. Die ersten 13 Piloten liegen nach dem Training innerhalb einer Sekunde!
Van Keymeulen erkämpft Startplatz 6, Nebel legt als Zehnter los. Didier übersteht einen Crash in der schnellen Dreifach-Links mit 200 km/h. Der Brustkorb schmerzt, aber der Belgier wird die Zähne zusammen beissen und zum Rennen antreten. Im Warm-up am Sonntag landet er wieder am Hosenboden. Unglaublich: In der Hotelkurve war die Piste noch nass von der morgendlichen Fahrt eines Reinigungsfahrzeugs. Zwei andere Fahrer rutschen ebenfalls aus, erst danach werden Warnflaggen gezeigt...
Turbulent geht es im Rennen weiter. Van Keymeulen hat harte Reifen aufgezogen, um über die Distanz besser mitzuhalten. Das heisst, die ersten Runden ist der Grip nicht so toll. Beim Versuch, als Dritter mit den Führenden dennoch mitzuhalten, rutscht das Hinterrad immer wieder weg. Er kann es eine Weile kontrollieren, bis ihn schliesslich doch das Hinterrad überholt. Nebel muss in der Startkurve einer Kollision ausweichen und in den Kies. Als Letzter findet er auf die Strecke, kämpft wie ein Löwe, überholt mindestens einen Gegner pro Runde und wird am Ende noch tapferer Siebter.
Im zweiten Rennlauf lässt Van Keymeulen einen anderen Reifen aufziehen. Trotzdem büsst er nach und nach einige Positionen ein und fährt schliesslich auf Platz 7 ins Ziel. Nebel schafft nach besserem Start einen soliden Platz 5 und kassiert wieder wertvolle Punkte.
Gleich im Anschluss zieht die KTM-Truppe weiter zum Testen an den Nürburgring. Während Nebel fleissig Runden dreht und Erkenntnisse sammelt, schlägt beim Teamkollegen erneut der Sturzteufel zu. Mit einem versuchsweise montiertem 200er Reifen (normal sind 190er Pneus hinten aufgezogen) wird van Keymeulen in der Schikane heimtückisch per Highsider abgeworfen. Das Motorrad fängt Feuer, allzu viel bleibt nicht übrig....
Was sagen eigentlich die Mechaniker, jedesmal wenn der Besenwagen ein zerknittertes Bike vor der Box ablädt?
Timo Dinkel, van Keymeulens Mechaniker: „Die erste Frage ist immer, ist der Fahrer okay? Das ist die Hauptsache. Aber dannn, na ja... die Bikes sind für mich schon ein bisschen wie Babies. Man arbeitet ständig daran, bei der Vorbereitung in der Werkstatt, der Box an der Strecke, investiert extrem viel Zeit, Sorgfalt und Mühe, in jedes Detail. Dann kommt es zurück und alles ist kaputt. Das gibt schon einen Stich. Aber dann fängst wieder von vorne an.“ Manuel Strell, Nebels Mechaniker: „Ein gestürztes Bike ist nichts Schönes. Aber ich versuche es sportlich zu sehen. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Je weiter vorne der Fahrer mitfährt, desto weniger schlimm ist es. Dann arbeitet man auch gerne bis Mitternacht. Rennmechaniker sein ist eh kein Job mit pünktlich Feierabend um 5 Uhr.“
Als das Team zwei Wochen später zum IDM-Rennen am Nürburgring zurück kehrt, lässt sich die Action vielversprechend an. Im ersten Zeittraining haben beide KTM die Nase vorn, nur ein Konkurrent schiebt sich in der zweiten Quali-Session noch vorbei. Beide orangen Raketen können also aus der ersten Startreihe loslegen.
Auch die Rennen auf dem kurvenreichen Eifelkurs enden respektabel. Stefan Nebel donnert zweimal auf Platz 2. Zweimal Platz 6 erobert Didier Van Keymeulen, der als Souvenir seines Vortraining-Abenteuers mit bandagierten Handgelenken, demolierter Schulter und lädiertem Ellenbogen angetreten ist. Am Ende des Tages rangiert Nebel weiter auf dem zweiten Platz in der Punktetabelle, und als Extra-Bonbon darf der Teamchef mit aufs Podest und einen Pokal für die beste Team-Performance in Empfang nehmen.
Das Prädikat „besonders sehenswert“ verdient das zweite Rennen am Nürburgring. Beim Start wetzen beide KTM vor dem Feld die Zielgerade herunter. Van Keymeulen biegt als Erster in die erste Kurve ein, danach übernimmt Nebel entschlossen die Führungsarbeit. Das elektrisierende Match mit IDM-Leader Teuchert (R 1) und Arne Tode (Fireblade) entscheidet sich erst in der allerletzten Runde. Nebel: „Meine RC8 R war perfekt abgestimmt, nur aus einer schnellen Rechtskurve, dem Hatzenbachbogen, konnte ich nicht früh genug ans Gas gehen. Das hat Arne Tode ausgenutzt. Er beschleunigte einen Tick früher und
konnte mich so vor der folgenden Schikane ausbremsen. Einmal rechts und in der letzten Runde dann links. Das war frech!“
Dann Sachsenring. Das vierte Saison-Rennen entpuppt sich als kniffliges Wochenende. Nicht nur wegen etlicher Wetterkapriolen. Nebel, den eine heimtückische Virus-Infektion ereilt hat, kämpft mit Unwohlsein und Kraftlosig-keit. Van Keymeulen weiss inzwischen, warum ihn seit dem Test-Highsider Schmerzen und Gefühllosigkeit im rechten Handgelenk plagen. Das rechte Kahnbein ist gebrochen; jener Knochen, der wegen schlechter Durchblutung nur langsam heilt und der beim Fahren besonders beansprucht wird. Der Belgier, der unglaublich hart mit sich selbst sein kann, fährt trotzdem, notdürftig bandagiert.
Der Sachsenring ist absolutes Neuland für das KTM-Team. Fragezeichen kreisen über Set-up, Übersetzung und Reifen. Pirelli hat spezielle Gummis für die Strecke mit 3 Rechts- und 10 Linkskurven mitgebracht – auf der linken Seite härter als rechts. Das zweite Training fällt dazu nach einem Schauer buchstäblich ins Wasser, im ersten ist Didier bereits nach vier Runden in der Bergauf-Zielkurve gestürzt, weil die Gabel auf Block ging. Startplatz 26 ist die Quittung. Stefan muss von Position 13 loslegen.
Für das Rennen setzt nach einem Regenschauer praktisch das ganze Feld auf Regenreifen.
Die Piste trocknet aber überraschend schnell ab. Das KTM-Duo eiert auf übel aufgelösten Pneus ins Ziel, Nebel auf Platz 10, van Keymeulen auf Rang 13. Zum zweiten Rennlauf regnet es dann dauerhaft. Nebel peitscht die RC8 R auf Platz 6 durch die Gischt, DVK kämpft sich vor bis auf Rang 10. Trost spendet der Blick auf die Meisterschafts-tabelle. Stefan Nebel, der fleissig wie ein Eichhörnchen Punkte sammelt, rangiert immer noch an zweiter Stelle.
Salzburg in Österreich, fünfte IDM-Station. Das Heimrennen, nach Mattighofen ist es fast nur ein Katzensprung. An die 700 Orangierte werden herbei strömen, von Vorstand bis Pförtner, aus Produktion und Verwaltung, dazu Freunde, Sponsoren, Kunden wie Dealer. Es gibt eine KTM-Tribüne, orange Fahrzeuge, Stände und Bauten schmücken das Paddock. Ein X-Bow wird Gäste am Renntag in der Pause über die Highspeedpiste schiessen.
Im Presseraum liegt das auflagenstarken Lokalblatt „Salzburger Fenster“ aus, das ein überdimensionales RC8 R-Actionfoto ziert. Fenster-Redakteur Achim Blum erzählt dazu: „Diese Woche beginnen die Salzburger Festpiele. Habe schwer gekämpft, aber ich habe mich durchgesetzt – auf dem Titel ist die Superbike-IDM.“ Quasi der erste Sieg also für KTM, bevor es überhaupt losgeht.
In der Box konzentriertes Business as usual. Schrauben, analysieren, optimieren. Am Freitag ist das erste Training verregnet, das zweite trocken.
Im Quali-Training am Samstag ist es genau umgekehrt. Am Ende startet Nebel als Dritter aus der ersten Reihe, van Keymeulen landet auf Platz 20. Warum der Belgier nur aus der fünften Reihe loslegen kann? Motorprobleme im ersten Zeittraining nach nur drei Runden. Im zweiten Training schüttet es wie aus Kannen, an eine Zeitverbesserung ist nicht zu denken.
Was den Motor gehimmelt hat? Teamchef Hefele zuckt die Schultern: „Normal schalten wir bei 10.500 Touren. 11.500 ist schon kritisch. Das Data Recording zeigt 13.000. Klassischer Verschalter.“ Klar ist, niemand ärgert sich mehr als Didier selbst.
Die Strecke in Salzburg, mit langen Geraden und langgezogenen Kurven, ist irrwitzig schnell. Heinz Payreder, Datarecording-Spezialist: „Eine Runde dauert rund 80 Sekunden, davon wird 43 Sekunden Vollgas gegeben, also deutlich über 50 %. Am kurvenreichen Sachsenring beträgt der Vollgasanteil lediglich 30 Prozent.“ Auf der langen Gegengeraden in Salzburg werden die höchsten Geschwindigkeiten gemessen. Die Topleute pfeilen hier alle mit 280 bis 295 km/h pro Stunde entlang. Obwohl die Strecke leicht bergauf führt.
Daran schliesst sich die berüchtigte Rechtskurve über dem Fahrerlager an. Vorher ist eine leichte Links „die wir noch voll im 6. Gang nehmen“, wie Stefan Nebel schildert. „Dann heisst es aufrichten, ganz leicht bremsen, zwei Gänge runterschalten und hinein in die Rechts. Das ist die aufregendste Kurve der Welt. Ich halte dort
jede Runde die Luft an. Man muss sich richtig überwinden, das Gas länger stehen zu lassen, als Augen und Gehirn es befehlen. Platz ist aussen fast keiner. Wenn du hier einen Fehler machst, ist es vorbei.“
Stefan Nebel hadert im ersten Rennen mit nachlassenden Vorderradreifen – Platz 5. Im zweiten Durchgang zieht er einen härteren Pneu auf, kann voll reinhalten im Kampf gegen Daemen (BMW), Meklau (Suzuki), Tode (Honda) und Rizmayer (Suzuki), führt eine ganze Weile das Feld an und erkämpft am Ende Platz 3. Der deutsche KTM-Pilot darf also wieder mit aufs Podest und Sekt versprühen. Aber vorher versetzt er die KTM-Tribüne noch mit einem mächtigen Burn-Out in Entzücken.
Didier Van Keymeulen kämpft sich von Startplatz 20 vor, so gut es geht. Im ersten Lauf bringt ihn die Aufholjagd bis auf Platz 11. Im zweiten Rennen geht ihm beim Ausbremsmanö-ver in der Schikane nach dem Start der Platz aus, er verhakt sich mit einem Konkurrenten, landet im Kiesbett.
Über die Hälfte der Saison ist gelaufen. Wen fragen wir nach einem Resümee? In Salzburg läuft uns Martin Bauer im Paddock über den Weg, der amtierende Superbike-Champion, der sich bereits in Oschersleben verletzt hat und seither zum Zuschauen gezwungen ist. Was sagst zu KTM in der Superbike-IDM? O-Ton Bauer: „Die machen einen sehr guten Eindruck, sind auf Anhieb konkurrenzfähig. Ich bin schon überrascht. Nein, das war so nicht zu erwarten. Podestplätze haben´s schon, Siege sind nur eine Frage der Zeit, das kommt schon noch, ganz sicher.“